Das wäre mal interessant, mathematisch auszurechnen, wie viele Tage, Wochen und Monate meines Lebens ich in Proberäumen zugebracht habe. Ich bin aber sehr schlecht in Mathe ... Auf jeden Fall gab es viel mehr Proberäume, in denen ich Musik gemacht habe, als Wohnungen, in denen ich gelebt habe.
Mit 15 oder so hatte ich mit meiner allerersten Band den allerersten Proberaum in Haan im Elternhaus des Schlagzeugers Andreas Siepen. 1. Etage, mit Fenstern, das konnte nicht lange gut gehen ... Also zogen wir um in Siepens Keller ... und von da aus ging's für mich weiter und immer weiter - von Proberaum zu Proberaum. Die Farbe GELB begleitete mich dabei etwa 10 Jahre lang von Raum zu Raum: 5 Rollen gelber Teppichboden waren bei meinem damaligen Arbeitgeber bei einer Messe liegen geblieben. Die Teppiche waren willkommenes Dämmmaterial und Blickfang und tauchten meine Proberäume jahrelang in knatschgelbe Farbe.
Der Proberaum in den MUSKATOR-Werken musste erstmal entümpelt werden ...
... bevor er bezugsfertig und jahrelang meine zweite Heimat war. Eine Rattenplage beendete das Gastspiel dort.
Im alten Düsseldorfer Schlachthof: Die gelben Teppiche waren ein Messe-Überbleibsel ...
Ebendort bei den Proben zum Deutschen Rock und Pop Preis 2013
In meinen Erinnerungen sind einige Proberäume hängen geblieben, z.B. der Proberaum in Haan bei der Familie Tree. Die Familie hatte ein riesiges Anwesen im Wald mit Fachwerkhaus und zwei großen Wolfshunden. Sehr idyllisch. Wir haben dort einige Jahre lang mit der Band SERIES II geprobt. Ich sehe uns da noch tanzen und grölen, als wir Ende der 80er kurz hintereinander den Wuppertaler Rockförderpreis und den Jugend-rockt-Preis NRW gewonnen haben.
Mitte der 90er ging's dann in Düsseldorf weiter, mit meiner Band DIE VÖGEL. Wir hatten unseren Proberaum in Düsseldorf-Lohausen, in Sichtweite des Düsseldorfer Flughafens. Direkt nebenan hatte seinerzeit der Düsseldorfer Künstler Charles Wilp sein Atelier. Unvergessen sein Tipp an uns: Wenn Flugzeuge über unseren Proberaum hinweg flögen, so sollten wir die Ohren zuhalten und den Mund öffnen - nur so seien angesichts der Schubumkehr der Düsenjets über unseren Köpfen Gehirnblutungen zu vermeiden. Oft haben wir das getan, aber nicht immer. Heute kann ich sagen: Mein Gehirn ist gesund.
Nächster Meilenstein waren dann die MUSKATOR-Werke (Hersteller von Tierfutter) im Düsseldorfer Hafen. Dort zog ich mit Frieder und Winni ein, um ein paar Jahre lang als Trio, ohne Bandnamen, ganz ungezwungen und ohne jeden öffentlichen Auftritt, zu jammen und, was wir drei quasi perfektionierten, zu improvisieren. Eine coole Zeit war das. Die Proberäume waren hinter- und nacheinander angeordnet, also mussten wir durch 2 oder 3 Räume durchstapfen, um ganz am Ende in unseren zu gelangen. Eines Tages hörten wir dann an der Decke ein Kreuchen und Fleuchen, ein Rascheln und Krabbeln, das von Woche zu Woche lauter und lauter wurde. Die Ratten waren los! Die Rattenplage bedeutete dann das Ende dieses Proberaums.
... und auch mal im Ruhrgebiet: mit den FRESSNAPF ALLSTARS bei den Proben in Oberhausen
Mit meiner Band ZÜNDBUS im Proberaum am Sandträger Weg
Die Wohnung von Michael Rinus: Sein Musikzimmer war ab 2015 monatelang Probe- und Aufnahmeraum für meinen Gassenhauer IN DÜSSELDORF.
Kurzes Intermezzo in 2022 in einem Proberaum in der Ronsdorfer Straße ... a sort of homecoming
Mit den Jollies im Proberaum in Kaarst
Auf der Suche nach einer Band kam ich Anfang der 2010er an einen Proberaum im alten Düsseldorfer Schlachthof, ein alteingesessener Proberaumkomplex und Stelldichein für mancherlei hiesige Bands. Mit ZÜNDBUS zog ich dort in ganz ungewöhnliche Gefilde ein: eine Art Proberaumbox, nach vorne offen, in einem riesigen Raum, links davon ein Damen-Duo, rechts davon eine Band in wechselnder Besetzung. Erstmals richteten wir diesen Proberaum in knatschgelb ein, auf Fotos gut zu sehen. Die hellgelben Teppichböden waren ein Überbleibsel einer Messe und sollten mich die nächsten Jahre farblich in vielen weiteren Proberäumen begleiten.
Da wir im Winter mit Minusgraden zu kämpfen hatten (auch ein Gasheizgebläse für Baustellen konnte nur bedingt für Wärme sorgen), zog ich mit ZÜNDBUS in einen Proberaum im Bunker am Sandträger Weg um. Kleiner Raum, noch einmal mit butterblumengelbem Teppichboden ausgekleidet, feucht, aber ein paar Monate lang urgemütlich und heimelig. Bis zu dem Zeitpunkt, als die Band auseinander fiel, ich meine Sachen packte und auch der Sandträger Weg Geschichte wurde.
Nur ein kurzes Intermezzo blieb mein Proberaum in der Ronsdorfer Straße, in einem Komplex, der von der Hans Peter Zimmer Stiftung betrieben wird. A sort of homecoming war das für mich ... hatte ich doch in den 90ern einige Male mit verschiedenen Bands in der "Ronse", wie wir die Straße immer liebevoll nannten, geprobt.
Und heute? Heute probe ich mit den Jollies in Kaarst. Großer, geräumiger Proberaum, den wir uns mit einer Opernsängerin und einer weiteren Band teilen. Ist wohl der größte, hellste, gemütlichste, professionellste Proberaum, den ich je das Vergnügen hatte zu bespielen. Angekommen.
zur Website induesseldorf-daslied.de
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